PlayFreitag und lass dich regieren?

(Gastspiel von kritische masse bei derFreitag, heute)

Kritik, das wäre die „Kunst, sich nicht dermaßen regieren zu lassen“ (Foucault, 1978). Mir ist egal, welches Label sich derFreitag gibt, aber Kritik finde ich hier nicht.

Zur Kritik gehörten Analysen. In der alten Freitag – finde ich noch heute Analysen, die mir ein tieferes Verständnis von Zusammenhängen vermitteln. Mit dem neuen derFreitag ist mir das leider noch nicht passiert.

Es ist nett zu plaudern, es ist nett sich kennen zu lernen, das ist Gesellschaft/Community per se. Aber um was soll es eigentlich gehen? Wo sind die Inhalte?

Es gab kürzlich eine engagiert Diskussion: „Deregulierung. Oder: derFreitag pennt!“ von @Streifzug.
Thema waren die „Krise“ – kurz die Krise des Neoliberalismus – und die Krise des derFreitag. Alle Reaktionen aus der Redaktion und Umgebung waren recht lau. Sie klangen wie, „sorry du bist noch nicht so der richtige User (Wikipedia-Talk), den wir uns wünschen, aber lauft jetzt nicht weg“.
Ausdruck der Redaktions-Krise war für mich auch die Überschneidung beider Krisen. Man habe „VWL studiert“ und mag nun weder dieses oder jenes klar beim Namen nennen.
Beim Namen zu nennen wäre, dass sich die Politik im Ausnahmezustand befindet und Gesetze wie im Notstand erlässt. (Lesenwert dazu Jürgen Link: »Normal« – eine Sprechblase? Normalismustheoretische Überlegungen zur kapitalistischen Krise. Jürgen Link in diskus – Frankfurter Student_innen Zeitschrift, 1/08 [PDF]) Unvorstellbare Milliarden werden für Banken bereitgestellt. Die Commerzbank gehört „uns“, nur „wir“ haben dort nichts mitzubestimmen. „Demokratiealarm“, so hieß es zumindest auch mal in der Süddeutschen – hier in der ach so kommunikativen derFreitag ist der Zustand dieser Demokratie noch nicht einmal Thema. Selbst an die naiv-demokratische Form, die Politiker mit ihren eigenen Aussagen zu konfrontieren, scheut man sich.

Was soll es auch bringen? Ich bin nicht so sehr darauf angewiesen, Politikern Vertrauen zu schenken. Mich interessieren gut recherchierte Hintergründe, Analysen und damit die Kritik. Politiker-Rhetorik hat oft unterhaltungswert, ansonsten ist es für mich reine Zeitverschwendung, mich von mir fernen Interessen Geleiteten in die Ohren pusten zu lassen.

Aussagekräftiger ist es für mich, von denen die Probleme zu hören, die von ihnen Betroffen sind. Wie war das mit dem „Arbeitskampf“ in der Kita? Was stimmt so gar nicht mit den Arbeitsbedingungen? Welche gesellschaftlichen Konsequenzen haben diese Missstände? – So etwas erfahre ich auf der Straße, im Cafe am Arbeitsplatz. Hier habe ich soetwas noch nicht gefunden.

Eine kritische Zeitung mit – falls es gewünscht ist – kritischer Community würde sich in der Gesellschaft bewegen und sich die Fragen und Problem vornehmen, die in der Gesellschaft existentiell und hoch politisch sind. Tatsächlich entpolitisiert werden diese Probleme, wenn darüber nur getalkt werden soll oder man sie sich von „Experten“ aus der politischen Klasse erklären lassen möchte. Der Vorschlag von @Streifzug hätte genau an diesem Punkt in die Hose gehen können. Aber leider kam es noch nicht einmal dazu.

Die tatsächlichen Experten sind immer die, die mit den konkreten Problemen zu kämpfen haben. Die Fragen und auch die Antworten an die Politik ergäben sich dann nur allzu deutlich. Hier hätte Journalismus heute wieder eine Aufgabe. Vorrausgesetzt, es geht ihm um Aufklärung, Kritik und Diskussion von und mit denen, die es angeht.

Das Bedrängende und Wichtige an dem Beitrag „Deregulierung. Oder: derFreitag pennt!“ von @Streifzug war die Kritik, dass die Bedürfnisse der Community nicht berücksichtigt werden. Allein dieser Fehler spricht Bände über den Unwillen, ein kritisches Medium zu sein.

Um kritisch zu sein, gehört es vor allem, aufmerksam gegenüber Kritik zu sein. Kritik hören zu wollen. Kritik zu ermöglichen. – Ja, das wurde „verpennt“ oder sehenden Auges gewollt. Denn erklärbar ist so ein Fauxpas, bei dem Anspruch etwas besseres als jedes andere x-beliebige Polit-Forum zu sein, für mich nicht.

Was bleibt? Bleiben wird der Spieltrieb einer Community [Siehe andere Negativ-Vorbilder: de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Southpark/Playing_Wikipedia]: Wie formuliere ich Freitags-Fragen, die auch die Redaktion durchlässt? Schaffe ich meine Anzahl an Beiträgen, die mich hier etwas sichtbarer machen … Kritiker und Engagierte werden eine zeitlang ihre Nischen suchen und finden. Danach, daneben, darüber hinaus bleibt es beim: Seit leib und nett zueinander, ordnet euch den politischen Parteien zu oder knapp daneben, vergesst den Lifestyle nicht … PlayFreitag. Es tut ja nicht weh?

Doch, mir schon!

kritische masse


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